OLGA

Perspektiven für nachhaltige Landnutzung und regionale Wertschöpfung in der Region Dresden

Vom 25.04. bis 05.05.2022 finden im Rahmen des Projektes OLGA vier Fokusgruppen unter dem oben genannten Titel statt. Wir erzählen an dieser Stelle von den Menschen, die sich an den vier Standorten getroffen, welche Motivation und Themen sie mitgebracht und welche Prozesse diese Dialogveranstaltungen in der Region angestoßen haben.

Fokusgruppe "Förderung der Biodiversität durch den Anbau von Agrarholz - unrealistisch oder umsetzbar?"

Am 25. April 2022 trafen sich in Tharandt Akteure aus Verwaltung, Landwirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft und überlegten gemeinsam, wie Agrarholzstrukturen Biodiversität fördernder angelegt werden aber trotzdem noch wirtschaftlich bleiben können für den Landwirt. Welche politischen, finanziellen, technischen und vielleicht auch gesellschaftlichen Rahmenbedingungen braucht es dafür?

Agrarholzsysteme sind spezielle Formen von Agroforstsystemen, bei denen schnellwachsende Baumarten, wie Pappel oder Weide, im Fokus stehen. Sie werden meist in Reihen oder flächig angebaut und nach einer gewissen Umtriebszeit abgeholzt und u. a. zu Hackschnitzeln weiterverarbeitet und zur Wärmegewinnung verbrannt.

Für die Integration von naturnahen Hecken, Sträuchern, die Mischung von Baumarten, Blühstreifen und anderen Elementen zur Förderung der biologischen Vielfalt im Bereich des Agrarholzsystems muss auch die Erntetechnik, d. h. die Maschinen etc., entsprechend angepasst werden, was von manchen Landwirten aufgrund der zusätzlich anfallenden Kosten kritisch gesehen wird. Was bringt das mir, wenn der Ertrag nicht meinen Aufwand deckt?

Zur Erhöhung des Angebotes an Agrarholz und entsprechend angebauten Strukturen auf Ackerland in der Region Dresden müsse die gesamte Wertschöpfungskette vom Anbau über die Ernte, Verarbeitung bis zum Vertrieb mitgedacht werden. In erster Linie gehe es um die Wirtschaftlichkeit, erst danach denke man an die Biodiversität. Es sei denn, es gibt eine Förderung für Agroforst bzw. Agrarholz, die bisher mit 60 €/ha noch nicht sehr lukrativ für die Landwirte darstellt. Für die nächste GAP 27+ ist es schon jetzt an der Zeit, sinnvolle und fundierte Vorschläge für die Integration der Agroforstwirtschaft mit all ihren Umweltleistungen in den Förderkatalog zu machen. Dafür ist auch eine Umdenken im Rahmen des landwirtschaftlichen Kontroll- und Abrechnungssystems nötig, welche multifunktionale Landnutzungssysteme berücksichtigen, die sowohl Wert- und Energieholz als auch Früchte bringen, gleichzeitig vor Erosion schützen, CO2 binden, Schatten spenden, die Feuchtigkeit auf dem Acker halten und obendrein auch noch die Biodiversität fördern.

Fokusgruppe "Nachhaltige Landnutzung an Fließgwässern durch Agrarholzstrukturen"

Im Weidegut Colmnitz direkt an einer der Untersuchungsflächen des OLGA-Projektes am Wiesengrundbach trafen sich Interessierte aus Verwaltung und Praxis, um über Möglichkeiten zu beraten, wie multifunktional und im Verbund mit anderen Gehölzen naturnah angelegte Agrarholzstrukturen akzeptierter Bestandteil von Renaturierungsmaßnahmen am Fließgewässerrand werden können. Welche Rolle spielt dabei die EU-Wasserrahmenrichtlinie und wo gibt es schon Vorreiterprojekte, an denen sich Politik, Verwaltung und letztendlich die Landnutzer in Sachsen bei der Umsetzung von Agrarholzstrukturen am Fließgewässer orientieren können?

Am Ende waren sich eigentlich alle Teilnehmer:innen der OLGA Fokusgruppe einig: Die Integration von Agrarholzstrukturen in Kombination mit anderen Gehölzen im Gewässerrandstreifen ist möglich und bei einer naturnahen und multifunktionalen Anlage auch sinnvoll. Ausschlaggebend für die Initiierung solcher Entwicklungsprozesse ist eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Landwirtschaft, Gewässerschutz und Naturschutz. Wenn hier keine Kompromisse gefunden werden können, droht das gesamte Vorhaben zu platzen.

Das Interesse und die Motivation für den Anbau von Agrarholz und dessen Verwertung muss vom Landwirt oder Flächeneigentümer selbst kommen. Dafür brauche es gut kommunizierbare Demoprojekte, welche die Potenziale aber auch die Herausforderungen einer solchen Struktur unter Einbezug der Themen Anlage, (technische) Bewirtschaftung und Pflege, Wertschöpfung und der Beitrag dieser Strukturen zu Klimaanpassung, Bodenrevitalisierung, Erosionsschutz und biologische Vielfalt haben können. Außerdem brauche es für die neue GAP ab 2027 eine eigene Förderrichtlinie für die Umsetzung von Agroforstsystemen mit lukrativen Fördersätzen für den Landwirt.

Durch eine Praxisfläche Agrarholz am Gewässerrand im Projekt OLGA und durch verschiedene praxisrelevante Aktionen für Landwirte, Politik und Verwaltung in der Region Dresden werden wir versuchen, die Vorteile dieser Landnutzungsform in die Region zu kommunizieren in der Hoffnung, dass Flächenbesitzer und Landwirte den Agroforstwirtschaft für sich entdecken. Nicht zuletzt aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten!

Fokusgruppe "Regionale Hülsenfrüchte für die lokale Ernährungsbranche"

Welchen Wert haben eigentlich Hülsenfrüchte für die menschliche Ernährung? Die bisher meist für die Tierfutterproduktion angebauten Leguminosen (= Hülsenfrüchte) erfahren als Proteinlieferant und Fleischersatz eine Renaissance. Wir haben Akteure aus der Ernährungswirtschaft zusammengebracht und uns die Wertschöpfungsketten für Leguminosen wie Lupine, Ackerbohne, Erbse und Soja angeschaut. Wo fehlen noch Erzeuger:innen, wo Abnehmer:innen? Wer könnte mit wem kooperieren, um ein bestehendes Produkt zu verbessern bzw. ein neues Produkt auf den Food Markt zu bringen? Wie kann die Akzeptanz von Hülsenfrüchten als gesunde, regionale und nachhaltige Lebensmittel gesteigert werden? Dies sind nur einige wenige Fragen, die wir bei der OLGA Fokusgruppe besprochen haben.

Es brauche ein kreatives, ansprechendes und sexy Produkt - über die Verpackung, das Design, die Qualität des Lebensmittels an sich und letztendlich das unvegessliches Geschmackserlebnis, damit Leute es einmal und wieder kaufen. Wie können also Produkte mit Hülsenfrüchten erfolgreicher kommuniziert und vermarktet werden, damit sie aus ihrer Nische rauskommen und der Leguminosen-Markt im Bereich der menschlichen Ernährung an Fahrt aufnimmt in der Region Dresden und in Sachsen?

In der sächsischen Landwirtschaft werden schon viele Hülsenfrüchte angebaut, die aber bisher meist zur Verfütterung an die Tiere und oft als Zwischenfrucht angebaut werden. Hier sei es wichtig, einen Überblick zu bekommen, welche Landwirte welche Leguminosen anbauen, um die ungfähre Abnahmemenge pro Jahr beziffern zu können. Herausforderungen seien immer noch die Verarbeitungsprozesse für viele Leguminosen, die getrocknet und geschält werden müssen, um dann weiter zu genießbaren Lebensmitteln verarbeitet zu werden. Vielen Betrieben fehlen die Maschinen. Diese könnten in Form von Kooperationen geteilt oder der Mangel an Technik durch mobile Formate, wie z. B. einen Soja-Toaster, kompensiert werden.

Wichtig sei, dass die Akteure entlang der gesamten Wertschöpfungskette, z. B. für die Lupine, voneinander wissen - von der Erzeugung über die Verarbeitung bis zur Vermarktung. In Dresden und Region brauche es mehr Orte, wo diese Menschen zusammenkommen, Produkte gemeinsam testen, kochen, schmecken, miteinander ins Gespräch kommen können - z. B. im Rahmen von Food and Cook Events etc.. Letzendlich dürfe auch hier die Lebensmittel- und Produktforschung nicht fehlen. In Dresden gäbe es schon zahlreiche Food Start Up's, die der Entwicklung von Produkten mit Leguminosen positiv gegenüber stünden. Es gäbe auch schon gute Ansätze. Es brauche noch mehr Anstrengung und Kooperation, um diverse Produkte mit Hülsenfrüchten am regionalen Markt zu etablieren. Heike und Matthias Quendt von der Quendt Food Innovation haben ihre Mini-Mahlzeiten mit Leguminosen-Teig schon entwickelt und versuchen diese, über sächsische Bäckereien an die Konsument:innen zu bringen. Ebenso könnten die Bio-Läden in Dresden, die Verbrauchergemeinschaft Dresden oder auch Marktschwärmer potenzielle Abnehmer der Produkte sein. OLGA wird diesen Prozess weiter unterstützen und dahingehend ein Umsetzungsprojekt zusammen mit den Praxispartnern überlegen.

Fokusgruppe "Gemüsepool 3.0 - Flächensicherung für regionale Ernährung"

Den krönenden Abschluss der Fokusgruppen-Reihe "Perspektiven nachhaltiger Landnutzung und regionaler Wertschöpfung in der Region Dresden" feierten wir am 05.05.2022 auf Schloss Heynitz, der Wiege des Ökolandbaus in Sachsen. Akteure aus Landwirtschaft, (Flächen-)Verwaltung, Regionalplanung und Naturschutz tauschten sich über Möglichkeiten aus, wie mehr Fläche für regionale Ernährung genutzt werden könnte. Wie könnten vor allem kleinere landwirtschaftliche Betriebe, die das Land ökologisch und nachhaltig bewirtschaften wollen aber nur über geringe finanzielle Mittel verfügen, besser Zugang zu Fläche bekommen.

Die Konkurrenz um Fläche sei so groß wie nie zuvor. Viel Land gehe auch in Sachsen für den Export, die Produktion von Tierfutter (leckere Hülsenfrüchte!) und Bioenergie drauf. Bei der Vergabe von Land sei man oft machtlos. Begriffe wie „Share Deals“ - das sind Landanteilskäufe von landwirtschaftsfremden Investoren, die den Bodenmarkt in Deutschland zu einem größeren Anteil im Griff haben - und „Vorkaufsrecht“ fielen in der Fokusgruppe. Alles Entwicklungen, welche es dem „kleinen Landwirt“ unmöglich mache, am Wettbewerb um bezahlbares Land gleichberechtigt teilzuhaben. Trotzdem gebe es auch erste Erfolgsgeschichten in Sachsen, wie die freiwillige Verpachtung von Ländereien einer sächsischen Agrargenossenschaft an eine sich in Gründung befindende SoLawi oder die Umgestaltung der Pachtkriterien der Stadt Leipzig zugunsten einer nachhaltigen, klimaangepassten Bewirtschaftung.

Doch wenn erstmal Zugang zu Land da sei, brauche es auch die Leute, die es bewirtschaften. Ein großes Problem heute und in Zukunft sei nämlich die Nachwuchsgewinnung in Landwirtschaft und Gartenbau. Hier brauche es neue Anreize und attraktive Bildungsangebote für junge Leute oder auch Menschen, die umschulen wollen. Eine SoLawi im Raum Dresden hat im Moment das Glück, unter ihren Mitglieder:innen engagierte ausgebildete Gärtner:innen zu haben, die auf dem 1 ha-Feld die Früchte hegen und pflegen, welche später auf die Anteile verteilt werden. Ohne die würde es nicht gehen.

In Dresden gibt es heute und in Zukunft noch mehr aufgegebene Gärtnerei-Standorte, die wunderbar genutzt werden könnten für die Anzucht von Gemüse u. a. für die SoLawis in der Umgebung und für weitere landwirtschaftliche Projekte im urbanen Raum. Doch die Eigentümer wollen aus verschiedenen Gründen ihr Land nicht hergeben. Die Vernetzung von Landeigemtümer:innen und Pächter:innen - in Form einer digitalen Landbörse oder eines regelmäßigen Bürger:innen-Stammtisches zum direkten persönlichen Austausch waren Ideen, die bei der Veranstaltung geteilt wurden.

Wie bei den anderen Fokusgruppen auch brauche es auch hier gute Beispiele, wie Zugang zu Land geschaffen, nachhaltig und ggf. mehrere Nutzungen kombinierend bewirtschaftet werden kann. Gleich neben dem Schloss gebe es die Möglichkeit, eine Demo-Fläche für nachhaltige Landbewirtschaftung, z. B. in Form eines Agroforstsystems, anzulegen und bei der Planung und Umsetzung auch die Heynitzer Bürger:innen miteinzubeziehen. Hier werden in den nächsten Wochen Gespräche bzgl. Machbarkeit und Umsetzung dieses potenziellen Pilot-Projektes stattfinden.